Prenzlauer Berg: Familienfreundlich und trotzdem lebendig
Berat Murati
Prenzlauer Berg ist heute der teuerste und begehrteste Wohnbezirk Berlins. Bio-SupermĂ€rkte, renovierte GrĂŒnderzeithĂ€user, Kinderwagen mit Luftbereifung: Das Klischee stimmt, es gibt einen Kern Wahrheit darin. Was das Klischee auslĂ€sst: Prenzlauer Berg ist trotzdem noch lebendig, hat echte QualitĂ€t in Restaurants und CafĂ©s, und seine Geschichte ist ungewöhnlicher als die meiste Stadtgeschichte Berlins.
Was dieser Stadtteil war, bevor er zum Sehnsuchtsort wurde
Im geteilten Berlin war Prenzlauer Berg ein Arbeiter- und Handwerkerviertel in Ost-Berlin. Die Mieten waren niedrig, die GebĂ€ude marode und nicht saniert, und genau deshalb zog das Viertel ab den 1970er Jahren KĂŒnstler, Musiker, Schriftsteller und politische Dissidenten an. In keinem anderen Berliner Viertel war die Dichte an informellen Zirkeln, Untergrundkultur und stiller Opposition gegen das DDR-Regime so hoch. Wohnzimmer-Lesungen, illegale Ausstellungen, Hausbesetzungen: Prenzlauer Berg war das Herz des Ost-Berliner Alternativmilieus.
Nach der Wende kamen die Investoren und NeubĂŒrger. Die Sanierungswelle ĂŒberrollte die alten Strukturen in kĂŒrzester Zeit. Heute erinnern nur noch wenige GebĂ€ude an den Zustand vor 1989. Wer wissen will, wie es ausgesehen hat, findet im Stadtmuseum Berlin ein paar Fotos und Dokumente. Oder redet mit jemandem, der damals dort gewohnt hat.
Kollwitzplatz: Der beste Wochenmarkt der Stadt
Am Samstagmorgen verwandelt sich der Kollwitzplatz in den nach QualitĂ€t gemessen besten Wochenmarkt in Berlin. Zwischen neun und sechzehn Uhr stehen hier Produzenten aus Brandenburg und Mecklenburg mit GemĂŒse, KĂ€se, Fleisch, Brot und Feinkost, die man im Supermarkt nicht bekommt. Die Preise sind höher als auf anderen MĂ€rkten, dafĂŒr ist fast alles regional und saisonal. Es lohnt sich, frĂŒh zu kommen, bevor die begehrten StĂ€nde ausverkauft sind.
Direkt um den Platz herum gruppieren sich einige der interessantesten Restaurants und CafĂ©s des Viertels. Das Lucky Leek in der KollwitzstraĂe ist eines der wenigen veganen Restaurants in Berlin, das tatsĂ€chlich kein schlechtes Gewissen erzeugt. Die Gerichte sind durchdacht und saisonal, die AtmosphĂ€re entspannt. Wer ein einfacheres Mittagessen sucht, findet es wenige Minuten zu FuĂ entfernt.
Konnopke's Imbiss: Currywurst seit 1930
Unter der Hochbahn an der Schönhauser Allee steht Konnopke's Imbiss, eines der Ă€ltesten Currywurst-Restaurants Berlins. Seit 1930 wird hier serviert, seit der Eröffnung in einer Zeit, als die Currywurst noch nicht mal erfunden war. Die Imbissbude ĂŒberstand Weltkrieg, DDR und Wiedervereinigung, und sie steht heute unter Berliner Denkmalschutz. Die Schlange ist lang, meistens. Sie bewegt sich aber schnell, und das Ergebnis, Currywurst mit Pommes fĂŒr unter fĂŒnf Euro, ist besser als in vielen neueren LĂ€den, die deutlich mehr verlangen.
Mauerpark: Flohmarkt, Karaoke und Sonntagsstimmung
Der Mauerpark ist am Sonntag einer der lebendigsten Orte in Berlin. Der Flohmarkt ist von neun bis achtzehn Uhr geöffnet, kostenlos und einer der gröĂten der Stadt. Das Angebot ist gemischt: Vintage-Kleidung, Schallplatten, HaushaltsgerĂ€t, BĂŒcher, Nippes. Wer einen sonnigen Sonntagnachmittag hier verbringt, braucht kein weiteres Programm.
Das Highlight fĂŒr viele ist das Karaoke im Freilichtamphitheater. Ab fĂŒnfzehn Uhr organisiert Joe Hatchiban dort eine öffentliche Karaoke-Session. Das Amphitheater fasst mehrere Hundert Zuschauer, und im Sommer ist es immer voll. Menschen jeder Altersgruppe singen auf einer provisorischen BĂŒhne vor einem Publikum, das mitsingt, mitklatscht und mit Reaktionen nicht geizt. Es ist schrill, manchmal ĂŒberraschend gut und fast immer unterhaltsam. Eintritt kostenlos.
Kastanienallee: Boutiquen, Bier und Eis
Die Kastanienallee wird im Volksmund auch âCasting-Allee" genannt, weil man hier angeblich hĂ€ufiger an Menschen scheitert, die erkannt werden wollen, als an echten Prominenten. Der Spitzname ist in Ordnung: Die StraĂe ist tatsĂ€chlich gut aussehend und sehr bemĂŒht. Trotzdem lohnt sie sich.
Der Prater Biergarten an der Kastanienallee ist der Àlteste Biergarten Berlins, seit 1837 in Betrieb, und einer der wenigen, die noch echten Kastanienschatten haben. Im Sommer sitzen hier Hunderte von Menschen unter alten BÀumen, trinken Bier und essen Bratwurst. Es ist eine der entspanntesten Erfahrungen, die Berlin zu bieten hat. Der Hokey Pokey Eisladen auf der Kastanienallee hat tÀglich wechselnde Sorten, alle hausgemacht. Warteschlangen bei Sonne sind normal.
Das Weinerei Forum in der Fehrbelliner StraĂe funktioniert nach einem anderen Prinzip: Man zahlt am Eingang eine EuromĂŒnze fĂŒr das Weinglas und trinkt dann so viel, wie man möchte. Am Ende gibt man einen Betrag, der einem fair vorkommt. Das klingt nach einem Experiment, das schief gehen sollte, funktioniert aber tatsĂ€chlich und seit Jahren. Abends gibt es manchmal Konzerte oder Lesungen.
Kulturbrauerei: GroĂes Kulturzentrum im alten Industriebau
Die Kulturbrauerei in der KnaackstraĂe ist ein ehemaliges Schultheiss-BrauereigelĂ€nde aus dem 19. Jahrhundert, heute umgenutzt zu einem der gröĂten Kulturzentren Berlins. Die BacksteingebĂ€ude und Innenhöfe sind tagsĂŒber frei zugĂ€nglich und sehenswert. Auf dem GelĂ€nde befinden sich Kinos, Clubs, ein Konzerthaus, ein Weihnachtsmarkt im Dezember und mehrere Museen. Das Haus der Kulturen der Welt betreibt hier eine Dependance, die Dauerausstellung zur DDR-Alltagsgeschichte ist kostenlos und informativ.
Helmholtzplatz: Weniger bekannt, aber gut
Wer dem Kollwitzplatz entfliehen will, geht zum Helmholtzplatz. Der Platz ist kleiner und weniger bekannt, dafĂŒr die Bars rundherum zugĂ€nglicher und weniger auf AuĂenwirkung bedacht. An warmen Abenden sitzen die Locals auf dem Platz selbst oder in den AuĂenbereichen der Kneipen. Die AtmosphĂ€re ist vergleichbar mit dem, was Prenzlauer Berg vor zehn Jahren war: lebendig und ohne Anstrengung.
Prenzlauer Berg hat sich verĂ€ndert, teurer und polierter geworden. Wer es kennenlernen will, ohne sich von der OberflĂ€che abschrecken zu lassen, nimmt sich einen Samstag- und Sonntagvormittag: Markt am Kollwitzplatz, Currywurst bei Konnopke, Spaziergang durch die HusemannstraĂe, Nachmittag im Mauerpark. Das ist kein typisches Touristenprogramm, aber es ist das echte Prenzlauer Berg. Wer in Berlin ĂŒbernachtet, findet von einem zentralen Apartment in Mitte oder Mitte-NĂ€he mit bevoflats schnellen Anschluss per U2 direkt in den Stadtteil.
Berat Murati
GrĂŒnder von bevoflats. Berliner aus Leidenschaft, Gastgeber aus Ăberzeugung.