Street Art in Berlin: Die besten Murals und wo man sie findet
Jakob Schick
Berlin ist keine Stadt, die ihre Kunst in weißen Räumen versteckt. Wer durch die Straßen läuft, begegnet ihr an jeder Ecke: auf Brandmauern, Stromkästen, verlassenen Fabrikgebäuden und manchmal mitten auf dem Bürgersteig. Nirgendwo in Europa hat Graffiti und Streetart eine solche politische und kulturelle Tiefe entwickelt wie hier – und das hat seinen Grund.
East Side Gallery: Das längste Freiluftgallerie der Welt
Der bekannteste Ort für Streetart in Berlin ist gleichzeitig einer der bewegendsten. Die East Side Gallery erstreckt sich über 1316 Meter entlang der Mühlenstraße 3–100 in Friedrichshain – ein erhaltenes Stück der Berliner Mauer, das nach dem Fall 1990 von 105 Künstlern aus 21 Ländern bemalt wurde. Der Eintritt ist frei, die Anlage rund um die Uhr zugänglich.
Das bekannteste Werk stammt vom russischen Künstler Dmitri Vrubel: „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben" zeigt den berühmten Bruderkuss zwischen Erich Honecker und Leonid Breschnew. Das Bild wurde zum Sinnbild für die Absurdität des Kalten Krieges und ist heute eines der meistfotografierten Motive Berlins. Viele der Werke wurden inzwischen restauriert – zum Teil von den Künstlern selbst, zum Teil von Kopisten, was unter Streetart-Enthusiasten für Diskussionen gesorgt hat.
Nimm dir mindestens eineinhalb Stunden für die gesamte Strecke. Morgens, bevor die Touristengruppen eintreffen, ist die Stimmung am ruhigsten.
Kreuzberg: Wo die Straßenkunst politisch wird
Wer echte Straßenkunst abseits der Touristenpfade sucht, findet sie in Kreuzberg. Die Oranienstraße und die Skalitzer Straße sind traditionell Zonen freier Meinungsäußerung auf Putz und Beton. Hier hängen politische Plakate neben riesigen Murals, Schablonengrafiken neben aufwendigen Illustrationen.
Der Berliner Künstler BLU hat in Kreuzberg einige der ikonischsten Fassadenbilder Berlins hinterlassen – manche davon inzwischen übermalt, was selbst zum Thema wurde. 2014 ließ er auf eigenen Wunsch mehrere Werke übertünchen, bevor das Gelände für Luxusentwicklungen freigegeben wurde. Das Verschwinden von Streetart gehört in Berlin ebenso zur Geschichte dazu wie ihr Entstehen.
Rund um die Admiralbrücke und entlang des Landwehrkanals finden sich immer wieder neue Werke – dieser Teil der Stadt ist kein Museum, sondern lebt. Wer die brasilianischen Zwillinge Os Gemêos kennt, wird ihren Einfluss auf die figurative Malerei in Berlin an verschiedenen Stellen wiedererkennen.
Urban Nation Museum: Streetart unter Dach
In Schöneberg hat die Szene seit 2017 ihr eigenes Zuhause. Das Urban Nation Museum in der Bülowstraße 7 ist das erste Museum weltweit, das sich ausschließlich Urban Contemporary Art widmet. Der Eintritt ist frei, geöffnet ist Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.
Doch das eigentliche Erlebnis beginnt schon draußen. Das gesamte Viertel rund um das Museum ist selbst eine Freilufthalle: Hausfassaden, Treppenhäuser, Tunneldurchgänge – alles bespielt von Künstlern aus aller Welt, die das Museum eingeladen hat. Wer ein paar Straßen in alle Richtungen abläuft, entdeckt Werke, die man in keinem Reiseführer findet.
RAW-Gelände Friedrichshain: Chaos als System
Das RAW-Gelände in der Revaler Straße ist das, was Berlin-Romantiker meinen, wenn sie von der alten Stadt reden. Auf dem ehemaligen Eisenbahn-Ausbesserungswerk existieren Konzertlocation, Kletterhalle, Biergarten und jede Menge Leerstand nebeneinander – und fast jede Oberfläche ist bemalt.
Anders als an der East Side Gallery gibt es hier keine kuratierte Auswahl. Die Werke übermalen sich gegenseitig, neue entstehen über Nacht, manche sind brillant, andere weniger. Eintritt kostet die Anlage nichts. Am besten ist es sonntags, wenn der Flohmarkt läuft und das Gelände am lebendigsten ist.
Teufelsberg: Streetart auf Trümmern der Geschichte
Außerhalb des S-Bahn-Rings liegt einer der bizarrsten Orte für Streetart in Europa. Der Teufelsberg im Grunewald ist ein künstlicher Hügel aus Trümmern des Zweiten Weltkriegs – darauf gebaut: eine Abhörstation der NSA und des britischen Geheimdienstes, betrieben bis 1991, seitdem verlassen.
Inzwischen ist das Gelände für Führungen geöffnet. Die Preise liegen bei etwa 9 Euro pro Person; geführte Touren dauern rund zwei Stunden. In den Kuppelräumen der Abhörstation, wo einst Parabolantennen in alle Himmelsrichtungen lauschten, haben Dutzende Künstler gearbeitet. Die Decken, Wände und Böden sind vollständig bedeckt – und die Akustik in diesen Räumen ist sagenhaft. Das ist kein Ort für schnelle Selfies, sondern einer zum Innehalten.
Praktische Tipps
Für Fotografie ist bedecktes Licht ideal: Es gibt keine harten Schatten auf großen Flächen und Farben kommen gleichmäßiger heraus. Direktes Mittagssonnenlicht macht viele Werke kaum erkennbar.
Wer das Thema vertiefen will: Alternative Berlin bietet geführte Streetart-Touren an, 3,5 Stunden für 18 Euro. Die Guides kennen die Hintergründe zu einzelnen Werken und wissen, wo sich gerade neue Flächen entwickeln. Buchung ist nicht zwingend, aber empfehlenswert.
Wichtig ist der Unterschied zwischen legalen Flächen und privatem Eigentum. Riesige Murals auf Brandmauern entstehen fast immer mit Genehmigung der Eigentümer – Graffiti auf Hauseingängen oder geparkten Autos hingegen nicht. Der Respekt vor dieser Grenze gehört zum Verständnis der Szene dazu.
Berlin ist ein guter Ausgangspunkt für alle, die Streetart jenseits der bekannten Namen entdecken wollen. Wer in Friedrichshain oder Kreuzberg wohnt, hat die meisten dieser Orte direkt vor der Tür – mehr über das Viertel gibt es hier.
Jakob Schick
Redakteur bei bevoflats. Immer auf der Suche nach dem besten Café um die Ecke.